Wer über mehrere Jahre mit seborrhoischem Ekzem lebt, kennt das Muster oft schon: Im Hochsommer ist die Haut vergleichsweise ruhig, doch sobald es kälter wird, kommen die Rötung an den Nasenflügeln, die Schuppen auf der Kopfhaut und das Spannungsgefühl auf der Stirn zurück. Zwischen November und Februar ist der Leidensdruck bei vielen am höchsten.
Das ist kein Zufall und keine Einbildung. Die Saisonalität des seborrhoischen Ekzems ist gut untersucht – und es gibt eine nachvollziehbare Kette von Ursachen, die erklärt, warum die kalte Jahreszeit die Erkrankung antreibt. Dieser Artikel schaut sich diese Kette Schritt für Schritt an.
Der Befund: Das seborrhoische Ekzem folgt den Jahreszeiten
Eine Untersuchung aus Istanbul wertete über zwei Jahre die Daten von mehr als 90.000 Hautarzt-Patientinnen und -Patienten aus. Bei 5.316 von ihnen wurde ein seborrhoisches Ekzem diagnostiziert – und die zeitliche Verteilung war eindeutig:
Jahreszeit | Anteil der Diagnosen |
|---|---|
Winter | 35,3 % |
Herbst | 32,9 % |
Frühjahr | 18,3 % |
Sommer | 13,5 % |
Der häufigste Monat war der Dezember (7,3 % aller Fälle), die seltensten waren Juni und Juli (3,8 bzw. 3,9 %). Statistisch war die Häufigkeit stark negativ mit der Temperatur korreliert (r ≈ –0,65) und mäßig negativ mit der UV-Strahlung (r ≈ –0,44): je kälter und dunkler der Monat, desto mehr Fälle. Andere Untersuchungen aus gemäßigten Klimazonen kommen zu vergleichbaren Ergebnissen – Verschlechterung im Winter, Besserung im Sommer.
Wichtig: Das sind Beobachtungsdaten. Sie zeigen einen sehr konsistenten Zusammenhang, aber die eigentliche Erklärung liegt in dem, was Kälte, trockene Luft und Lichtmangel mit der Haut machen.
Was im Winter mit deiner Haut passiert - die Kausalkette
1. Kalte, trockene Luft schwächt die Hautbarriere
Kalte Luft kann physikalisch weniger Wasser aufnehmen als warme. Die Außenluft im Winter ist also trocken – und drinnen macht die Heizung es noch schlimmer: Sie senkt die relative Luftfeuchte in Innenräumen oft auf 20–30 %.
Bei niedriger Luftfeuchte steigt der transepidermale Wasserverlust – die Haut gibt mehr Feuchtigkeit an die Umgebung ab, als sie von unten nachliefern kann. Die oberste Hautschicht (Stratum corneum) trocknet aus, die Verhornung wird unregelmäßig, und die Barrierefunktion lässt nach. Eine große Übersichtsarbeit von Engebretsen und Kolleg:innen hat genau das zusammengefasst: Niedrige Temperatur und niedrige Luftfeuchte verschlechtern die Hautbarriere und erhöhen die Anfälligkeit für entzündliche Hauterkrankungen.
2. Die geschwächte Barriere reagiert stärker auf Malassezia
Der Hefepilz Malassezia ist immer auf der Haut – bei Gesunden wie bei Betroffenen. Das seborrhoische Ekzem entsteht nicht dadurch, dass der Pilz „da ist", sondern dadurch, wie stark die Haut auf ihn reagiert.
Malassezia lebt vom Hauttalg. Über das Enzym Lipase spaltet er Talg-Fette und setzt dabei freie Fettsäuren frei – vor allem Ölsäure. Ölsäure reizt die Haut, regt die Hornzellbildung an und lässt entzündungsfördernde Botenstoffe entstehen. Eine intakte Hautbarriere puffert das ab. Eine ausgetrocknete, rissige Barriere kann das nicht mehr – die Reizstoffe dringen tiefer ein, die Entzündung wird stärker, und die Entzündung schädigt die Barriere weiter. Aus einem Anstoß von außen wird ein sich selbst verstärkender Kreislauf.
3. Weniger UV-Licht – die natürliche Bremse fällt weg
Sonnenlicht hat einen doppelten dämpfenden Effekt auf das seborrhoische Ekzem: UV-Strahlung hemmt das Wachstum von Malassezia direkt und wirkt zusätzlich auf die Immunzellen der Haut (Langerhans-Zellen) entzündungsdämpfend. Deshalb ist Schmalband-UVB-Bestrahlung eine anerkannte Behandlungsoption bei schweren, ausgedehnten Verläufen – in einer Studie sprachen alle behandelten Patient:innen darauf an.
Im Winter fällt dieser Effekt weitgehend weg: Die Sonne steht tief, die Tage sind kurz, und man hält sich fast nur drinnen auf. Die Haut verliert eine Regulationshilfe, die sie im Sommer selbstverständlich bekommt.
4. Niedrigerer Vitamin-D-Spiegel
Zwischen Oktober und März ist die Sonneneinstrahlung in Mitteleuropa zu schwach, als dass die Haut nennenswert Vitamin D bilden könnte – die Spiegel sinken bei vielen Menschen in dieser Zeit ab.
Das ist für die Haut relevant: In einer Fallkontrollstudie hatten Menschen mit seborrhoischem Ekzem im Schnitt niedrigere 25-OH-Vitamin-D-Werte als Gesunde (20,7 gegenüber 23,9 ng/ml). Ein Wert unter 30 ng/ml war mit einem deutlich erhöhten Risiko verbunden, und je niedriger der Spiegel, desto schwerer war die Kopfhaut-Beteiligung. Ob der niedrige Vitamin-D-Spiegel das Ekzem mit verursacht oder eher eine Begleiterscheinung ist, lässt sich aus so einer Studie nicht endgültig sagen – als zusätzlicher Winter-Faktor ist er aber plausibel.
Mehr zu Vitamin-D und seborrhoischem Ekzem
Und die Luftfeuchtigkeit? Ein widersprüchlicher Faktor
Hier lohnt sich Ehrlichkeit: Bei der Luftfeuchte sind sich die Studien nicht einig. Die Istanbuler Auswertung fand mehr Fälle bei niedriger Luftfeuchte. Untersuchungen aus tropischen, warm-feuchten Regionen zeigen dagegen, dass auch hohe Luftfeuchte kombiniert mit Hitze das seborrhoische Ekzem verschlechtern kann – dann, weil feucht-warme Bedingungen das Pilzwachstum fördern und Schweiß mit Talg und Pilzstoffwechselprodukten die Haut zusätzlich reizt.
Für den mitteleuropäischen Winter ist die Lage aber ziemlich klar: Es ist die Kombination aus Kälte und trockener Heizungsluft, die die Hautbarriere belastet – nicht zu viel Feuchtigkeit, sondern zu wenig.
Was das für dich bedeutet
Der Winter-Schub ist kein Zeichen dafür, dass du etwas falsch gemacht hast. Er ist eine vorhersehbare saisonale Belastung: Mehrere Faktoren – geschwächte Barriere, aktiverer Reizkreislauf mit Malassezia, fehlendes UV-Licht, weniger Vitamin D – wirken zwischen Herbst und Frühjahr zusammen.
Vorhersehbar heißt aber auch: planbar. Wenn du weißt, dass die Risiko-Saison beginnt, kannst du deine Pflege- und Alltagsroutine rechtzeitig anpassen, statt dem Schub hinterherzulaufen. Welche konkreten Stellschrauben das sind – Raumklima, Reinigung, Barrierepflege, Umgang mit Licht –, liest du im Artikel Die Winter-Routine bei seborrhoischem Ekzem.
Häufige Fragen
Ist der Winter-Schub bei allen Betroffenen gleich stark?
Nein. Die Saisonalität ist im Durchschnitt gut belegt, aber individuell sehr unterschiedlich. Manche Menschen merken kaum einen Unterschied, bei anderen ist der Winter die mit Abstand schwierigste Zeit. Auch das Klima spielt eine Rolle – in gemäßigten Zonen ist das Wintermuster am ausgeprägtesten.
Hilft bewusstes Sonnen oder ein Solarium gegen den Winter-Schub?
UV-Licht dämpft das seborrhoische Ekzem nachweislich – aber Solarium und ungeschütztes Sonnen erhöhen das Hautkrebsrisiko. Eine gezielte Lichttherapie gehört in ärztliche Hände. Für den Alltag sinnvoll: regelmäßig bei Tageslicht nach draußen und den Vitamin-D-Status ärztlich prüfen lassen.
Sollte ich im Winter Vitamin D einnehmen?
Ein Vitamin-D-Mangel ist im mitteleuropäischen Winter häufig. Sinnvoll ist, den Spiegel messen zu lassen und bei nachgewiesenem Mangel gezielt zu supplementieren – am besten mit ärztlicher Begleitung. Vitamin D allein „heilt" das seborrhoische Ekzem nicht, kann aber ein ungünstiger Baustein weniger sein.
Warum wird mein Ekzem im Sommer besser – bei manchen anderen aber schlechter?
Bei den meisten überwiegt im Sommer der positive UV-Effekt. Bei einem Teil der Betroffenen reizen dagegen Hitze, starkes Schwitzen und der Talg-Schweiß-Film die Haut so sehr, dass sich das Ekzem trotz Sonne verschlechtert. Auch hier gilt: Beobachte, was bei dir passiert.
Fazit
Das seborrhoische Ekzem verschlechtert sich im Winter, weil mehrere Faktoren gleichzeitig zusammenkommen: Kalte, trockene und geheizte Luft schwächt die Hautbarriere, wodurch die Haut empfindlicher auf die Stoffwechselprodukte des Hefepilzes Malassezia reagiert. Gleichzeitig fehlt das UV-Licht, das den Pilz im Sommer bremst, und der Vitamin-D-Spiegel sinkt. Das Ergebnis ist ein sich selbst verstärkender Entzündungskreislauf.
Wer diese Zusammenhänge kennt, kann den Winter-Schub nicht komplett verhindern – aber deutlich abmildern, indem er die bekannten Stellschrauben rechtzeitig bedient.
Hinweis: Dieser Artikel dient ausschließlich informativen Zwecken und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei anhaltenden oder starken Beschwerden wende dich an einen Dermatologen.
Quellen & Studien
- Is the Frequency of Seborrheic Dermatitis Related to Climate Parameters?
- The effect of environmental humidity and temperature on skin barrier function and dermatitis.
- Serum Levels of 25-Hydroxyvitamin D in Patients with Seborrheic Dermatitis: A Case-Control Study
- Narrow-band ultraviolet B (TL-01) phototherapy is an effective and safe treatment option for patients with severe seborrhoeic dermatitis